Turteltaube ist Vogel des Jahres 2020 - Bestände auch im Heidekreis stark dezimiert

Umwelt Von Extern | am Fr., 29.11.2019 - 20:12

AHLDEN. Sie ist ein Symbol für die Liebe, ihre Lebensbedingungen sind aber wenig romantisch: Die Turteltaube wurde vom NABU und seinem bayerischen Partner LBV (Landesbund für Vogelschutz) zum „Vogel des Jahres 2020“ gewählt. Damit wollen die Verbände darauf aufmerksam machen, dass die Turteltaube ihren Angaben zufolge stark gefährdet ist. Europaweit seie die Bestände seit 1980 um fast 90 Prozent zurückgegangen, auch in Deutschland seien ganze Landstriche inzwischen turteltaubenfrei.  „Unsere kleinste Taube findet kaum noch geeignete Lebensräume. Zudem ist sie durch die legale und illegale Jagd im Mittelmeerraum bedroht“, so der 1. Vorsitzende des NABU Heidekreis, Klaus Todtenhausen.

„Früher hat man das markante Gurren der Turteltaube an jedem Dorfrand oder Flussufer gehört. Wildkräutersamen an Feldwegen und Feldfrüchte aus Zwischensaaten boten ausreichend Nahrung,“ erinnert sich Frank-Ulrich Schmidt  von der Avifaunistischen Arbeitsgemeinschaft. Nach einer leichten Bestandzunahme in den 70er Jahren, sei die Anzahl der Brutpaare im Heidekreis zunächst leicht und seit 2008 rasant gesunken. Aktuell geht der Experte davon aus, dass im gesamten Landkreis nur noch 10 bis 20 Paare brüten. 

Die Turteltaube ist der erste vom NABU gekürte Vogel, der als global gefährdete Art auf der weltweiten Roten Liste steht. Heute brüten in Deutschland laut NABU noch 12.500 bis 22.000 Paare. Die meisten der höchstens 5,9 Millionen Paare Europas leben in Spanien, Frankreich, Italien und Rumänien. Turteltauben sind die einzigen Langstreckenzieher unter den mitteleuropäischen Taubenarten. Sie verlassen Europa zwischen Ende Juli und Anfang Oktober, um südlich der Sahara zu überwintern. 

Die 25 bis 28 Zentimeter großen Vögel mit ihrem farbenfrohen Gefieder ernähren sich fast ausschließlich vegan. Sie bevorzugen Samen von Bäumen und Wildkräutern wie z.B. Klee, Vogelwicke, Erdrauch und Leimkraut, die aufgrund der Verwendung von Herbiziden in der intensiven Landwirtschaft auf Äckern kaum noch zu finden sind. Daher hat sich die Taube seit den 60er Jahren angepasst und ihre Nahrung umgestellt. Der Anteil von Sämereien aus landwirtschaftlichen Kulturen macht nun in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebiets mehr als die Hälfte der Nahrung aus statt wie früher nur 20 Prozent. Im Gegensatz zu Wildkrautsamen stehen diese aber nur für kurze Zeit zur Verfügung und fehlen während der kritischen Phase der Jungenaufzucht, was zu sinkenden Bruterfolgen führt. Außerdem geht die Ausweitung von Anbauflächen mit einem Verlust von Brachen, Ackersäumen, Feldgehölzen und Kleingewässern einher. Damit verschwinden Nistplätze sowie Nahrungs- und Trinkstellen.

Eine zusätzliche Bedrohung ist die Vogeljagd im Mittelmeerraum. „Wissenschaftler konnten nachweisen, dass die jährlich mehr als 1,4 Millionen in der EU legal geschossenen Turteltauben von der Art nicht mehr verkraftet werden können. Besonders skandalös: In manchen Ländern gilt das Schießen der stark gefährdeten Turteltauben als ,Sport‘ zum eigenen Vergnügen“, so Pressesprecherin Dr. Antje Oldenburg. Gegen Spanien und Frankreich wurden im Juli bereits Vertragsverletzungsverfahren der Europäischen Kommission wegen des schlechten Erhaltungszustands der Art eingeleitet. Gegen vier weitere EU-Länder liegen offizielle Beschwerden vor. Dies ist notwendig, obwohl auf einem Treffen aller Mitgliedstaaten im Mai 2018 ein Aktionsplan zum Schutz der Europäischen Turteltaube verabschiedet wurde. 

Um den gefiederten Liebesboten zu schützen, fordert der NABU  Bundesumweltministerin Svenja Schulze mit einer Petition (www.vogeldesjahres.de/petition) auf, sich neben einer verbesserten Landwirtschaftspolitik auch für das dauerhafte Aussetzen der Abschussgenehmigungen in den EU-Mitgliedsstaaten einzusetzen.