Warnstreik in Walsrode: "Geld ist da, es ist nur falsch verteilt"

Gesellschaft Von Extern | am Fr., 16.10.2020 - 16:48

WALSRODE. „Applaus, Applaus damit kommen wir nicht aus!“ rufen 80 Streikende aus dem Heidekreis auf dem Walsroder Rathausplatz. ver.di-Sekretärin Silke Laatz hatte Delegationen aus kommunalen Betrieben zum ersten Warnstreik im Landkreis gerufen. Gekommen waren nach Gewerkschaftsangaben KollegInnen von Bauhöfen, Kitas, Sparkassen, Straßenmeistereien, Müllabfuhr, Verwaltungen, Klärwerken, Stadtwerken aus allen Teilen des Heidekreis. Der ver.di-Aktionsrat hatte Corona-bedingt von einer Demonstration abgesehen. Die Streikenden zogen in vielen Kleingruppen laut trommelnd mit bunten Fahnen und Transparenten in Walsrode umher, darunter auch eine auffällige Fahrradgruppe. "Weil immer wieder andere Streikgruppen vorbei kamen, traten die Menschen neugierig aus den Geschäften heraus. Klasse Wirkung“, freute sich Mitorganisator Charly Braun vom ver.di-Bezirksvorstand Hannover-Heide-Weser.

Bei der Kundgebung vorm Walsroder Rathaus begründete Susanne Kremer, Walsroderin und langjährige stellvertretende ver.di-Landesleiterin die Tarifforderungen von 4,8 Prozent, mindestens 150 Euro. Jahrzehntelang hinken ihrer Aussage nach kommunale Beschäftigten hinter der Entwicklung her. Es fehle an Fachpersonal. „60 Prozent der neuen Arbeitsverträge sind nur befristet, ist das eine lebenslange Sicherung? Es ist ein Mythos, dass die Beschäftigten im Öffentlichen Dienst Spitzenverdiener sind und einen sicheren Arbeitsplatz haben“, ruft Susanne Kremer über den Platz. ver.di hätte den Arbeitgebern vorgeschlagen, die Tarifrunde wegen Corona auszusetzen und stattdessen eine Überbrückung von 1500 Euro zu zahlen. „Die Arbeitgeber wollten aber eine billigere Lösung. Deren Strategie war, dass die ArbeitnehmerInnen in Corona-Zeiten sicher nicht streiken würden. Dumm gelaufen“, so Kremer.

Dann erläutert die kämpferische Heidjerin Pläne der Arbeitgeber, „wie sie den Beschäftigten sogar Geld wegnehmen wollen“, unter anderem mit Zerstückelung tariflicher geregelter Eingruppierungskriterien, die zu niedrigeren Einkommen führen würden. Unter lautem Applaus ruft sie: „Nicht wegnehmen, sondern geben ist das Richtige in dieser Zeit!“

Straßenwärter Burkhard Rogge berichtet, dass „immer mehr Beschäftigte des Öffentlichen Dienstes einen Zweitjob machen um über die Runden zu kommen.“ Und er erklärt, die Dringlichkeit für 100 Euro mehr für Auszubildende und PraktikatInnen.

DGB-Kreisvorsitzender Charly Braun stellt klar, dass „schon lange vor Corona unwidersprochen war, dass die gesellschaftlich notwendige Arbeit der Daseinsvorsorge deutlich besser bezahlt werden muss. Und damit gute Arbeit gemacht werden kann müssen die Bedingungen besser werden“. Die Landespolitik wisse seit vielen Jahren um die pädagogische Bedeutung der Kitas, aber immer noch gäbe es keine dritte Fachkraft in den Gruppen. Für die Kliniken forderte Braun von der Bundesregierung die Wiederherstellung kostendeckender Finanzierung der Klinikleistungen. Mit langem Klatschen bedacht werden seine Worte: „Dann ist der heftige Streit ums Heidekreis-Klinikum überflüssig, dann werden Pflegekräfte nicht ausgepowert ihren Beruf aufgeben müssen“.

Die Stimmung auf dem Rathausplatz steigert sich als Charly Braun "Steuergeschenke der letzten 20 Jahre an Vermögensmilliardäre und Einkommensmillionäre und die Verbreitung von Armut und Unsicherheit durch HartzIV und die Ausweitung prekärer Beschäftigung kritisiert. Geld ist genug da, es ist nur falsch verteilt“, begründet er die Notwendigkeit von Streiks.

Text: David Wehrs