"Als die Gastfreundschaft Opfer der Unverhältnismäßigkeit wurde" - Brandbrief der Gastronomen

Wirtschaft Von Redaktion | am Di., 13.10.2020 - 14:20

"Als die Gastfreundschaft Opfer der Unverhältnismäßigkeit wurde – Wir sind nicht das Problem, sondern waren von Beginn an Teil der Lösung" - Mit einem Brandbrief wenden sich niedersächsische Gastronomen an die Landesregierung, aus unserer Region vertreten durch Roger Burkowski vom Hotel zur Heideblüte. Wir geben den Brief unzensiert und unkommentiert wieder:

Ohne Zweifel, die Auswirkungen des Corona Virus treffen alle Branchen, doch am härtesten trifft es unbestritten die Hotellerie und Gastronomie in all ihren Facetten! Die Einschränkungen für wirtschaftliches Handeln und für jede gastronomische Unternehmung sind enorm, doch wir haben sie von Anfang an mitgetragen. Unsere durchdachten und gelebten Hygienekonzepte und unser Bewusstsein für die Verantwortung, die wir in dieser Zeit tragen, machen unsere Betriebe zu den sichersten Anlaufstellen für Gastfreundschaft. Dennoch fordert jede neue Verordnung, jede neue Phase des Entwicklungsgeschehens ein Sonderopfer von uns.

Auf den ersten Blick machen teilweise erreichte Lockerungen zwar Hoffnung, jedoch geht es hier noch lange nicht um die Möglichkeit, Ertrag zu erwirtschaften, sondern in vielen Fällen um reine Kostendeckung. Hierbei ist zu beachten, dass der größte Kostenfaktor unsere Mitarbeiter sind. Mitarbeiter, deren Arbeitsplätze und Ausbildungsstellen mit jedem Stein, der uns in den Weg gelegt wird, noch gefährdeter werden.

1. Zeitgemäße Definition eines Risikogebiets

Die Orientierung an der reinen Zahl der Neuinfizierten ist auf Basis steigender Testungen bei gleichbleibend geringer Hospitalisierung nicht verhältnismäßig.
Im Vergleich zum Frühjahr testen wir in Deutschland aktuell etwa das Fünffache auf Corona. Vor allem in der jetzigen Jahreszeit gehören grippeähnliche Symptome zur Normalität, was zukünftig zu noch mehr Testungen führen wird. Zu Beginn der Pandemie war das Virus eine unbekannte Gefahr und die Definition von Risikogebieten mithilfe der Infektionszahlen und der Sieben-Tage-Inzidenz ein richtiges Mittel. Im Laufe des Jahres haben wir das Virus einzuschätzen gelernt und dieses hat sich mit Hinblick auf die stationäre und intensivmedizinische Belegung von einer Gefahr zu einem Risiko entwickelt. Findet die Bewertung für ein Risikogebiet weiterhin auf Basis der Infektionszahlen statt, führt dies dazu, dass in sehr kurzer Zeit erhebliche Teile und schließlich ganz Deutschland zu einem Risikogebiet erklärt werden. Jetzt ist es an der Zeit, die Definition für ein Risikogebiet zu überdenken, da wir ansonsten einen schleichenden zweiten Lock Down in Deutschland erreichen werden.

2. Beherbergungsverbot und die Auswirkungen in einem Risikogebiet

Die unübersichtlichen, stetig wechselnden Regelwerke und der medial hervorgerufene Imageschaden der Hotelbranche führen zu einer großen Befangenheit bei unseren Gästen. Bei derzeit dynamisch steigendem Infektionsgeschehen ist die Unsicherheit bei den Gästen so groß, dass auf die Buchung einer innerdeutschen Reise lieber ganz verzichtet wird.

Wer heute noch reisen darf, kann morgen bereits vom Beherbergungsverbot mit allen Konsequenzen getroffen sein. Anstatt die deutschen Tourismusbetriebe zu stärken und Deutschland als Urlaubsziel attraktiv zu machen, sorgt das derzeitige Beherbergungsverbot dafür, dass es leichter ist, seinen Urlaub im Ausland zu verbringen. Dort sind die Infektionen häufig um ein vielfaches höher und Hygienekonzepte werden nicht so konsequent umgesetzt, was schlussendlich sogar zu einem erhöhten Infektionsrisiko führt.

Die Einschränkungen in der Beherbergung spiegeln sich zusätzlich in einen enormen Rückgang in Innenstädten, Gaststätten und dem Einzelhandel wider. Bereits jetzt ist die Verunsicherung bei Anwohnern in Risikogebieten so groß, dass diese weniger auf die Straße gehen wollen und zudem bleiben zukünftig auch noch die Touristen aus. Als Konsequenz schließen bereits die ersten Restaurants und Geschäfte freiwillig ihre Türen, weil die Verluste bei Schließung geringer als bei Öffnung sind. All dies führt in innerdeutschen Regionen zu einem massiven Umsatzeinbruch!

Nicht nur, dass wir in dieser ohnehin auslastungsschwachen Zeit erneut mit erheblichen Einbußen zu rechnen haben, droht uns außerdem auch noch finanzieller Schaden durch angedrohte Bußgelder. Wie können Sie uns haftbar machen, je nach Unternehmensform, sogar haftbar mit unserem Privatvermögen, wenn ein Gast sich nicht entsprechend der Verordnungen verhält?

Es kann nicht sein, dass uns und unseren Mitarbeitern die Kontrolle und Durchsetzung individuellen Verhaltens unter Strafandrohung aufgebürdet wird!

3. Irrationale Konsequenzen für die Veranstaltungsplanungen

Die derzeit gültigen Vorgaben für Veranstaltungen und Zusammenkünfte in unseren Betrieben beschränken uns enorm. Die geforderte Planungssicherheit wird durch den derzeit angewandten Maßstab zur Risikobewertung des Infektionsgeschehens ausgehebelt. Dieser Maßstab muss dringend

angepasst und in Bezug auf die stationäre und intensivmedizinische Belegung gesehen werden. Durch den reinen Bezug auf die Infektionszahlen ist der angesetzte Maßstab unverhältnismäßig und Veranstaltungen sind für uns weder kalkulierbar noch gegenüber Gästen kommunizierbar. Die damit einhergehende Unsicherheit auf Seiten der Gäste, führt dazu, dass Veranstaltungen erst gar nicht geplant und gebucht werden.

Das derzeit verankerte Alkoholverbot für Feiern mit mehr als 50 Personen macht diese für Gäste vollkommen uninteressant und eine Ausrichtung für uns schlichtweg unmöglich.
Sowohl das Alkoholverbot, als auch die Planungsunsicherheit fördern nach wie vor die Abwanderung von Veranstaltungen in den privaten Raum. Ohne Hygienekonzept und ohne garantierte Nachvollziehbarkeit der Kontaktpersonen.

4. Verbote führen nicht zur Eindämmung des Infektionsgeschehens, sondern zu Illegalisierung

Kaum ein Lebensbereich ist so emotional behaftet, wie der Wunsch nach Urlaub. Die Bürger unseres Landes möchten reisen. Sie sind bereit, mit Einschränkungen zu leben, Abstand zu halten und sich der Situation vor Ort anzupassen. Viele haben im Sommer Deutschland als Alternative zum Auslandsurlaub entdeckt und lieben gelernt.

Die neuen Beschränkungen für Bürger aus Risikogebieten sind aber jetzt nicht mehr realisierbar, denn ein negativer Corona-Test, als Bedingung für einen touristischen Aufenthalt, ist schlichtweg unmöglich. Zunächst ist es in den meisten Fällen gar nicht möglich einen Test mit den geforderten Fristen zu erhalten, außerdem ist ein Test sehr kostenintensiv und schlussendlich stellt sich die Frage der Sinnhaftigkeit die ohnehin begrenzten Testkapazitäten damit zu verbrauchen.

Die individuelle Reisefreiheit innerhalb deutscher Grenzen zu beschränken, führt nicht dazu, das Infektionsgeschehen einzudämmen. Es führt allein dazu, dass die Gäste nicht länger in unseren sicheren Betrieben übernachten. Stattdessen übernachten sie bei Freunden, eng gedrängt im Gästezimmer der Familie oder in privat angemieteten Zimmern.

Die Bürger unseres Landes möchten ihr Leben genießen, reisen, feiern, gesellig sein und ein Stück Normalität zurückerhalten. Die nach wie vor gültigen Einschränkungen, flexiblen Risikobewertungen und unübersichtlichen Regeln führen jedoch dazu, dass diese Aufenthalte nicht in unseren sicheren Betrieben stattfinden. Sie werden weiterhin illegal stattfinden, ohne Kontrolle, ohne abführbare Umsatzsteuer und ohne Mitarbeiter, die Ihren Lebensunterhalt verdienen.

5. Forderung nach weiteren verlorenen Zuschüssen

Die Komplexität des Jahres 2020 und deren Auswirkungen haben alle Hoteliers und Gastronomen schwer getroffen. Die erwirtschaften Umsätze der Sommermonate reichen nicht ansatzweise, um die Verluste aufzuholen. Mit Hinblick auf die kommenden umsatzschwachen Monate und die aktuellen Bürden aus den Verordnungen ist es keinem Unternehmer unserer Brache möglich, das laufende Jahr erfolgreich abzuschließen.

Wenn sie eine zukünftige Insolvenzwelle, nie dagewesenen Ausmaßes, verhindern wollen und die so geliebte Gastfreundschaft auch zukünftig erleben möchten, müssen Sie weitere finanzielle Unterstützungen freigeben. Wir fordern deshalb neue Programme mit weiteren Soforthilfen und verlorenen Zuschüssen und dies mit realistischen Einstiegsbedingungen.

Sichern Sie den deutschen Mittelstand, sichern Sie Millionen von Arbeitsplätzen, sichern Sie ein Stück Lebensqualität!

Liebe Politiker, wir waren von Anfang an nicht das Problem, sondern Teil der Lösung!
Setzen Sie angemessen Maßstäbe bei der Bewertung des Infektionsrisikos und unterstützen Sie in diesen schweren Zeiten auch weiterhin das Unternehmertum finanziell. Nur dann können wir Sie weiterhin bei einem Weg in unseren neuen Alltag in Deutschland als bedeutender Wirtschaftsfaktor begleiten.

Ihre Jungen Gastgeber aus Niedersachsen

Mareike Zägel, Hotel Stadt Aurich
Alina Krüger, Hotel Am Schloss Aurich
Roger Burkowski, Hotel zur Heideblüte; Celle
Carsten Dauer, Hotel Restaurant Hellers Krug; Holzminden
Gerd Albers, Goldener Adler; Bad Zwischenahn
Nico Winkelmann, Bümmersteder Krug; Oldenburg
Ralf Kempermann, Gasthaus Kempermann & SCOL Hotels; Großkneten Stephan Mittendorf, Mittendorf Gastronomie; Bodenwerder-Buchhagen