Jahresbilanz Ausbildungsmarkt: "Nicht genügend passende Bewerber für reichlich Lehrstellen

Gesellschaft Von Extern | am Do., 11.11.2021 - 18:18

CELLE. „Viele Lehrstellen der Betriebe, weniger Jugendliche und die damit einhergehende Herausforderung, die angegebenen Ausbildungswünsche der Jugendlichen und die angebotenen Ausbildungsstellen auszugleichen und einen Corona-Jahrgang zu vermeiden“, so bilanziert Sven Rodewald, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Celle das vergangene Ausbildungsjahr. In einer gemeinsamen Mitteilung von Agentur für Arbeit Celle, Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stadt und IHK Lüneburg-Wolfsburg heißt es:

Von Oktober 2020 bis September 2021 nahm die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen laut Mitteilung der Agentur für Arbeit Celle zu und lag bei 2.167. Eine Zunahme von 80 Ausbildungsstellen zum Vorjahr. Dem gegenüber hat sich die Zahl der Ausbildungsbewerber gesteigert. Insgesamt 2.017 Bewerber zählte die Agentur für Arbeit Celle mit ihren Beratungseinrichtungen in Celle, Hermannsburg, Soltau und Walsrode. Das waren 8 (0,4 Prozent) mehr als im Vorjahreszeitraum. Am Ende des Berichtsjahres waren 190 Bewerber in den Agenturstandorten und Jobcentern der Landkreise noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Dem gegenüber standen zum Ende des Berichtsjahres noch 194 unbesetzte Ausbildungsstellen. Dies resultiert aus unterschiedlichen Ausbildungswünschen.

Viele Bewerber verfolgen eine Doppelstrategie und haben eine Alternative (weiterer Schulbesuch, Studium, Freiwilligendienst, etc.) falls es mit einem Ausbildungsplatz nicht klappen sollte. Auch noch nicht vermittelte Bewerber haben zwischenzeitlich weitere Beratungsgespräche und Angebote erhalten und können ihren Weg in die Ausbildung anbahnen.

„Nicht genügend passende Bewerber für reichlich Lehrstellen!“, so skizziert Sven Rodewald, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Celle kurz die Lage am Ausbildungsmarkt 2020/2021. „Die Ausbildungswünsche der Jugendlichen sind häufig nicht deckungsgleich mit den gemeldeten Ausbildungsstellen. Die unterschiedlichen Bewerberinteressen lassen eine rein mathematische Betrachtung nicht einfach zu.“ In einigen Bereichen gibt es mehr Bewerber als Ausbildungsplätze und andere Bereiche haben weniger Zulauf. Aus Sicht der Ausbildungsunternehmen zeigt sich der Markt angespannt. Die Absolventen der Sekundarstufe II entscheiden sich nicht immer für die duale Ausbildung, auch weil sie sich nicht früh entscheiden wollen und noch Überlegungs- und Beratungsbedarf haben – hier unterstützt das Beratungsangebot der Berufsberatung mit Möglichkeiten der Studienberatung oder die Teilnahme an Selbsterkundungstests unter www.check-u.de .

Für die kommenden Monate ist es aus Sicht von Sönke Feldhusen, Ausbildungsexperte und stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg (IHKLW), wichtig, Berufsorientierungsangebote und das Angebot von Praktika auszubauen und die Attraktivität der beruflichen Ausbildung noch mehr ins Rampenlicht zu stellen: „Viele Betriebe investieren heute mehr denn je in attraktive Ausbildungsangebote und Arbeitsbedingungen. Dazu zählen neben angemessenen Löhnen eine wertschätzende Unternehmenskultur, Benefits und Sozialleistungen für Mitarbeitende und klare Perspektiven für Karriere und Fortbildung“, sagt Feldhusen. „Mit Blick auf den sich wieder verschärfenden Fachkräftemangel bedeutet jeder Ausbildungsvertrag eine große Chance. Das gilt für Unternehmen, die Fachkräfte früh und langfristig an sich binden können. Und das gilt für junge Menschen, die sich dicht an der Praxis und dennoch auf hohem Niveau qualifizieren wollen.“ Ausbildungsbetrieben rät Feldhusen, möglichst früh den Kontakt zu potenziellen Auszubildenden zu suchen: „Unsere IHKLW bietet dafür eine Reihe von Angeboten an der Schnittstelle von Schule und Wirtschaft. Gerade in den besonders betroffenen Branchen wird es aber auch wichtig, neue Zielgruppen zu adressieren – Menschen mit Migrationshintergrund und ausländische Fachkräfte, die es zu rekrutieren, zu qualifizieren und zu binden gilt. Dabei helfen Instrumente wie Teilqualifikationen oder eine Verlängerung von Ausbildungen durch Teilzeitgestaltung mit begleitendem Sprach- und Förderunterricht.“

Zum 30. September verzeichnet die IHKLW im gesamten Bezirk 3.534 neue Ausbildungsverträge in IHK-Berufen. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein leichtes Minus von 0,9 Prozent. In Stadt und Landkreis Celle sind es 550 neue Ausbildungsverträge – 4,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Im Heidekreis ergibt sich im Vergleich zum Vorjahr ein leichtes Minus von drei Prozent, insgesamt wurden dort in IHK-Berufen 452 Verträge neu abgeschlossen.

Der Bestand an unbesetzten Ausbildungsstellen zum Ende des Beratungsjahres ist hoch und doch halten Betriebe an ihren hohen Erwartungen gegenüber den zukünftigen Lehrlingen fest. „Wer hingegen vermeintlich leistungsschwächeren Bewerbern eine Chance gibt, erhöht die Auswahl und erhält verschiedene Angebote der Arbeitsagentur. Wir bieten unterschiedliche Lösungen für mögliche Herausforderungen an, wie zum Beispiel die Einstiegsqualifizierung oder die assistierte Ausbildung. Es gilt, dass künftig keine/r im Übergang von der Schule in den Beruf verloren geht und mehr Jugendliche direkt den Weg in eine Ausbildung finden.“, so Rodewald.

Den Unternehmern stehen bei allen Fragen rund um das Thema Ausbildung die Beratungsfachkräfte im Arbeitgeberservice beratend zur Seite. Das Ende des Berufsberatungsjahres bedeutet nicht auch das Ende der Vermittlungsaktivitäten. Auch jetzt melden sich noch Jugendliche, die z. B. keinen Studienplatz erhalten haben oder eine weiterführende Schule abbrechen und nun doch eine duale Berufsausbildung anstreben. Gleichzeitig melden auch Betriebe noch freie Ausbildungsstellen für das bereits begonnene Ausbildungsjahr. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass im so genannten „fünften Quartal“ von Oktober bis Dezember eine große Anzahl der derzeit noch freien Stellen mit Auszubildenden besetzt werden kann und im Gegenzug bislang unversorgte Bewerber einen Ausbildungsplatz oder eine Alternative finden.

„Die Betriebe im Handwerk bilden auch während der Corona-Pandemie mit großem Engagement aus, das zeigen unsere Zahlen. Im gesamten Kammerbezirk hatten wir Ende September 4.313 neue Ausbildungsverträge zu verzeichnen. Das sind rund vier Prozent mehr als im Vorjahr. In der Region Lüneburg liegen wir mit 1.359 neuen Ausbildungsverträgen sogar fünf Prozent über dem Vorjahr“, sagt Günter Neumann, Leiter Berufsbildung bei der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg. Stade. In Stadt und Landkreis Celle gibt es 240 neue Ausbildungsplätze und damit 51 mehr als im Vorjahr; im Heidekreis bewegt sich die Zahl mit 223 auf Vorjahresniveau. Dazu beigetragen habe sicherlich der „Sommer der Berufsbildung“, mit dem auch die Handwerksorganisationen als Partner der Allianz für Aus- und Weiterbildung bei jungen Menschen und Betrieben für die duale Ausbildung geworben haben. „Die Berufsoptionen sind derzeit im Handwerk so gut wie kaum jemals zuvor. Denn der Nachwuchs wird in unseren Betrieben dringend gebraucht, um die wichtigen Zukunftsaufgaben umzusetzen wie die Erreichung der Klimaziele oder die Elektromobilität. Außerdem bietet das Handwerk eine hohe Arbeitsplatzsicherheit und Karrieren mit Perspektive. Das bestätigt auch die OECD in ihrem aktuellen Bildungsbericht. Eine Ausbildung im Handwerk ist also auch jetzt noch eine gute Wahl, denn ihr Beginn ist jederzeit möglich.“ Aber auch nach dem „Sommer der Berufsbildung“ müsse der Ausbildungsmarkt weiter stabilisiert werden, damit sich die Folgen der Pandemie nicht langfristig auf die Zahl der Ausbildungsverträge auswirken. „Um die berufliche Bildung zu stärken, gilt es, die Berufsorientierung systematisch auszubauen, allgemeinbildende Schulen besser mit Handwerkskammern und Innungen zu vernetzen, Schulabsolventen und Auszubildende zu fördern sowie die Ausbildungsbetriebe zu unterstützen“, sagt Neumann.

Denjenigen, die noch keinen Termin bei der Berufsberatung hatten, legen alle Akteure nahe: „Besorgen Sie sich kurzfristig einen Beratungstermin. Das geht am schnellsten mit einem kostenfreien Anruf im Servicecenter der Arbeitsagentur in der Zeit von 8.00 Uhr bis 18.00 unter 0800 4 5555 00.“

Die Zahlen im Überblick:
• 2.167 gemeldete Ausbildungsstellen; 80 mehr als im Vorjahr
• 2.017 Bewerber; 8 mehr als im Vorjahr
• 194 unbesetzte Berufsausbildungsstellen
• 190 nicht vermittelte Bewerber