Lehrermangel soll zentrales Problem im neuen Schuljahr bleiben

Wirtschaft Von Redaktion | am Mi., 14.08.2019 - 20:21

Vor einer Schulpolitik im Schneckentempo warnt der Philologenverband Niedersachsen angesichts der zum Schuljahresbeginn vom Kultusminister veröffentlichten aktuellen Daten und Fakten. „An der Situation hat sich im Vergleich zum vergangenen Jahr erneut fast nichts geändert. Es bleibt dabei, dass der Lehrermangel auch im neuen Schuljahr ein zentrales Problem darstellt und weiterhin eine problematische Unterrichtssituation mit Unterrichtskürzungen und Stundenausfall, hohen Abordnungszahlen und schlechten Lern- und Arbeitsbedingungen an den niedersächsischen Schulen vorherrscht“, kritisiert der Vorsitzende des Philologenverbandes, Horst Audritz.

Von der im letzten Jahr angekündigten Entspannung bei Lehrereinstellungen und Abordnungen durch das Kultusministerium sei kaum etwas geblieben: Die Einstellung von 1710 neuen Lehrkräften reiche bei weitem nicht aus, um den Bedarf so zu decken, dass überall zumindest der Pflichtunterricht stattfinden könne. Die vom Verband seit Jahren kritisierte mangelhafte Vergleichbarkeit der Unterrichtsversorgung verschiedener Schulformen wurde statistisch weiterhin nicht korrekt angepasst, so dass die neuen angeblichen Erfolgszahlen weiterhin kaum Aussagekraft besäßen. Darüber hinaus führe die bleibende chaotische Abordnungspraxis des Landes zu weiterer Unsicherheit für Schulen, Lehrkräfte und Schüler. „Wir weisen nochmals darauf hin, dass für das kommende Schuljahr 2020/21 mit G9 weitere 1250 Lehrerstellen allein an den Gymnasien benötigt werden, denen in diesem Jahr nur 255 Einstellungen gegenüberstehen“, so Audritz. Hier gebe es vom Kultusministerium noch immer keine konkrete Bedarfsplanung.

Stattdessen sei nun mit dem angekündigten Sonderprogramm „Starke Sek I-Schulen“ ein weiteres Projekt eröffnet worden, dass zwar in dem Ansinnen, die Lehrkräfteversorgung auch in der Fläche zu sichern, zu begrüßen sei, aber in seiner Maßnahmenplanung wieder neue Unruhe bringe. „Wenn es nicht einmal eine klare Aussage gibt, wie die in den Vorjahren „auf Vorrat“ an anderen Schulformen eingestellten Gymnasiallehrkräfte wieder an die Gymnasien gebracht werden sollen, dann haben wir Zweifel, ob das Versprechen, dass Gymnasiallehrkräfte, die an dem Programm ,Starke Sek I-Schulen‘ teilnehmen, am Ende wirklich problemlos die versprochenen Stellen an den Gymnasien erhalten“, stellt der Verbandsvorsitzende fest. „Wir appellieren eindringlich an den Minister: Neue Programme dürfen nicht verhindern, dass offene Baustellen endlich geschlossen werden.“

Angesichts der neuesten Zahlen, wonach der Zuspruch zu den Gymnasien weiter deutlich zunehme, sei es daher unverständlich, nur noch für den Sek I-Bereich sowie für Grund- und Förderschulen eine Einstellungsgarantie zu geben. „Die Gymnasien benötigen bei dem abzusehenden steigenden Bedarf dringend weiterhin Neueinstellungen. Auch hier zeigt sich wieder, dass immer noch nicht anerkannt wird, dass Gymnasien einen anderen Personalschlüssel durch Durchführung ihres Pflichtunterrichts benötigen“, so Audritz.

Es sei weiterhin notwendig, alle Wege und Möglichkeiten zur Gewinnung neuer Lehrkräfte voll auszuschöpfen. „Jede Lehrkraft, die in Niedersachsen ausgebildet wird und das Land nun aufgrund der zu geringen Stellenausschreibungen verlässt, ist eine zu viel“, appelliert Audritz. Die Berichte, dass es mit über 1000 Versetzungen in andere Bundesländer zudem eine regelrechte „Lehrerflucht“ aus Niedersachsen gebe, seien ein weiterer Beweis dafür, dass der Lehrerberuf hierzulande nicht attraktiv genug sei. „Wer sich die Arbeitsbedingungen und -belastungen ansieht, der erkennt schnell, warum geradezu junge niedersächsische Lehrkräfte demotiviert sind“, stellt Audritz fest.

Hier seien über die dümpelnde Imagekampagne des Ministers hinaus konkrete Konzepte notwendig, um die Rahmenbedingungen deutlich zu verbessern und den Lehrerberuf wieder attraktiv zu gestalten. „Die niedersächsischen Lehrerinnen und Lehrer tun im Schuldienst ihr Möglichstes, oft über Belastungsgrenzen hinaus, um Schule und Unterricht für den Bildungserfolg unserer Kinder zu gestalten“, so der Vorsitzende. Wenn dann in der Öffentlichkeit suggeriert wird, es werde zu viel gejammert und auch Nichtlehrer könnten in bestimmten Fächern einfach so einspringen, dann erweist dies unseren Schulen vor allem aber unseren Schülerinnen und Schülern einen Bärendienst. „Die Lösung für die Probleme der niedersächsischen Bildungspolitik ist ganz sicher nicht die Entwertung des Lehrerberufs, im Gegenteil“, betont Audritz.

Als Alarmsignal wertet Audritz auch die in die Diskussion gebrachte vorrübergehende Kürzung des Unterrichts. „In diesem Vorschlag zeigt sich die ganze Hilflosigkeit gegenüber den vielschichtigen Problemen in der niedersächsischen Bildungspolitik. Weiter abzuwarten, die Probleme zu benennen und auf die Komplexität des Systems hinzuweisen, hat schon in der Vergangenheit nicht funktioniert. Es wird Zeit, dass der Minister das Schneckenhaus verlässt, Entscheidungen trifft und den Turbo bei der Lösung bildungspolitischer Probleme einschaltet“, fordert Audritz abschließend.